Bâle

Manuscrit, non publié à l’époque. Texte établi d’après l’exemplaire de lecture. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte
Sehr geehrter Herren Regierungsräte
Sehr geehrte Mitglieder der Handelskammer beider Basel
Meine Damen und Herren

Ein Cluster ist eigentlich eine seltsame Sache.

Er basiert darauf, dass Unternehmen erkennen, dass ihre Komplementarität grösser ist als ihre Konkurrenz – und der einzelne Akteur gestärkt wird, wenn er sich für die Stärkung der anderen einsetzt.

Indem er sich also der Logik von Marx … NEIN, nicht folgt – sondern widersteht.

Ich meine natürlich nicht Karl Marx, sondern Groucho Marx, der ja gesagt hat: «Ich würde nie einem Club beitreten, der Leute wie mich als Mitglieder aufnimmt.»

Ein Cluster ist also eigentlich ein Paradox – aber ein sehr schweizerisches Paradox.

So wie der Bundesrat, dieses eigenartige Gebilde, das sich aus Leuten mit unterschiedlichen Haltungen und Interessen zusammensetzt, die trotzdem gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Wobei wir im Bundesrat freundschaftlich nicht ganz so eng verbunden sind wie Roche und Novartis… Ob das ein Witz war, müssen Sie selber entscheiden. In der Ära Humer-Vasella wäre es jedenfalls einer gewesen…

Im Ernst: Bundesbern ist ein politischer Cluster. Und er funktioniert grundsätzlich ziemlich gut. Die Schweiz ist ein erfolgreiches Land, auch heute noch, in einer Welt, in der die bequeme Existenz in der geopolitischen Nische vorbei ist.

Aber, das müssen wir selbstkritisch einräumen, es gibt durchaus Bereiche, wo die politische Cluster-Logik und vor allem auch der Föderalismus an ihre Grenzen stösst.

So sind wir hierzulande bekanntlich in Sachen Digitalisierung fast schon verblüffend rückständig.

Was die Fachwelt schon längst beschäftigte, wurde einer breiten Öffentlichkeit erst während der Pandemie richtig bewusst.

Aber zu den Erkenntnissen der Pandemie gehört eben auch, was möglich ist. So ist es gelungen, das Covid-Zertifikat und allen voran das Covid-Dashboard des BAG technisch sehr rasch umzusetzen. Und das in unserem föderalen System, das dabei viele Herausforderungen stellt. Mit anderen Worten: Das zeigt wie viel Innovationskraft der Bund fähig ist.

Die pauschale Kritik an der mangelhaften Digitalisierung geht denn auch am Kern des Themas vorbei: Das schweizerische Gesundheitssystem leidet nicht an «zu wenig Digitalisierung», wie das gerne suggeriert wird, sondern an zu wenig Koordination der digitalen Aktivitäten. So gibt es heute zum Beispiel 9 verschiedene Codes für die Bezeichnung weiblich. In einem System ohne übergeordnete Regulierung ist das nur natürlich. Aber es zeigt auch, dass Regulierung wichtig ist.

Deshalb ist es Aufgabe des Bundes, einen Raum zu schaffen, der es den – durchaus digitalisierungsfreudigen – Akteuren ermöglicht, sich auf gemeinsame Standards zu einigen, damit die Systeme miteinander kommunizieren können und das Prinzip «once only», dass nämlich Daten nur einmal erhoben werden endlich gelebt werden kann.

Bundesrat und Parlament haben mein Departement beauftragt, der Digitalisierung in diesem Sinne Schub zu verleihen.

Den Rahmen dafür wollen wir mit dem Programm DigiSanté schaffen.

Denn die Forderung nach Digitalisierung ist leicht gestellt. Doch es gibt auch jene, die vom Status quo profitieren. Anbieter, welche Schnittstellen für den digitalen Wildwuchs bauen. Jene, die eigentlich ganz froh sind, dass es nicht mehr Transparenz gibt. Und jene, die sich vor den Investitionen fürchten, um ihre Systeme den neuen Standards anpassen.

Alle zum Umdenken zu bewegen ist nur möglich, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Denn die Frage ist nicht, ob das Gesundheitswesen einen Digitalisierungsschub braucht, sondern wie schnell wir es gemeinsam schaffen, diesen voranzutreiben.

Meine Damen und Herren

Der Bundesrat hat letztes Jahr beschlossen, dass der Datenraum Gesundheit forschungsgerecht gestaltet werden muss.

Eingebettet in das Programm zur Förderung der digitalen Transformation setzen sich federführend das BAG und BFS dafür ein, die Rahmenbedingungen zur effizienten, gemeinsamen Weiterverwendung von Daten zu schaffen und das sowohl im Datenraum Gesundheit als auch in anderen gesundheitsrelevanten Datenräumen.

Die forschende pharmazeutische Industrie ist ein wichtiger Akteur im Datenraum Gesundheit. Sie kann sowohl die Rolle eines Datenanbieters (Daten aus ihren klinischen Versuchen) als auch die Rolle eines Datennutzenden einnehmen.

Die Erfahrungen aus der Zusammenarbeit von Interpharma beziehungsweise der forschenden pharmazeutischen Industrie und dem Swiss Personalized Health Network, SPHN sind dabei sehr wertvoll.

Meine Damen und Herren

Ich lade Sie alle dazu ein, weiterhin engagiert an der digitalen Transformation mitzuarbeiten.

Was alle angeht, dafür müssen auch alle Verantwortung übernehmen.

Ein digitales Gesundheitssystem entspricht eigentlich einer klassischen win-win-Logik – alle profitieren davon.

Allen voran die Patientinnen und Patienten.

Aber in unserem komplexen politischen System – eben: im politischen Cluster Schweiz – ist diese win-win-Logik nur selten ein Selbstläufer, sondern meistens das Resultat bewusster Anstrengungen, enger Kooperation und gegenseitigen Vertrauens.

Ist dieses Vertrauen vorhanden, sind wir als Land erfolgreich.

Ist das Vertrauen vorhanden, dann sind wir auch bereit, die Rahmenbedingungen zu schaffen und die Investitionen zu tätigen, die es braucht, damit die Digitalisierung in der Schweiz, insbesondere im Gesundheitswesen den entscheidenden Schritt weiterkommt.

Das wird nicht gratis sein. Denn etwa die Leistungserbringer müssen den Anschluss an neue Standards selbst sicherstellen.

Doch nur mit den neuen Standards erreichen wir die Sicherheit, damit Innovationen möglich sind.

Meine Damen und Herren

Die Digitalisierungsdebatte verläuft ja häufig etwas nervös, vielleicht gar etwas über-nervös.

Gewiss: Wir leben in einer Welt des schnellen Wandels.

Was aber wirklich erklärungsbedürftig ist – das ist nicht der Wandel, sondern die Kontinuität, die Langlebigkeit von Institutionen, die Stabilität.

Der Pharma-Cluster in Basel ist, was die Erfolgsfaktoren im globalen Wettbewerb angeht, durchaus stellvertretend für die Schweiz als Ganze.

Der Chemie- und Pharmastandort Basel hält sich seit mittlerweile 150 Jahren an der Weltspitze. Behauptet sich gegen Konkurrenten in den grössten und mächtigsten Ländern der Welt mit einem Dutzend-fach grösseren Talent-Pool. Das ist die Frucht von Anstrengung, Können, zweifellos auch Glück – und nicht zuletzt von Mut und Visionen. Vom Glauben, dass es aufwärts und vorwärts geht, wenn man sich entsprechend anstrengt. Diese Mentalität ist eine helvetische Konstante und in ihrer Bedeutung gar nicht zu unterschätzen.

Dass die Schweiz bei der Innovation und punkto Wettbewerbsfähigkeit an der Weltspitze steht, verdankt sie nicht zuletzt ihrer Pharmaindustrie.

Man denke nur an den gewaltigen Beitrag an die Ausgaben für Forschung und Entwicklung der Schweiz.

Und die Pharmaindustrie verdankt natürlich auch der Schweiz viel: attraktive Rahmenbedingungen mit einem exzellenten Bildungssystem. Ein solides Arbeitsethos. Weltoffenheit. Eine Kultur, die Sicherheit und Innovation verbindet. Ein System der sozialen Sicherheit, das den nötigen Ausgleich schafft.

Und diese Erfolgsfaktoren sind weder analog nicht digital.

Sondern real.

Vielen Dank.

Icônes : Icons8