Zurich

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Meine Damen und Herren

Einen Monat vor ihrem 15. Geburtstag schrieb Anne Frank in ihr Tagebuch:

«Solange die ganze Menschheit ohne Ausnahme, keine grosse Metamorphose durchläuft, wird der Krieg wüten, wird alles, was aufgebaut, gezüchtet und gewachsen ist, wieder abgeschnitten und vernichtet werden, um danach aufs Neue zu beginnen.»

Ende Zitat.

Meine Damen und Herren

Diese Ausstellung fällt in eine Zeit, in der in Europa wieder Krieg herrscht.

Der brutale russische Überfall auf die Ukraine erschüttert die Welt.

Und er erschüttert natürlich auch uns, die wir mitten in Europa leben.

Die Zeitwende durch den Krieg in der Ukraine fällt zusammen mit einer anderen Zeitenwende, die langsamer verläuft, die aber ebenso unumkehrbar ist.

Die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Holocaust verstummen.

Sie, die wie niemand sonst auf entsetzlichste Art erleben mussten, Welche verheerenden Auswirkungen es hat, wenn demokratische Institutionen von totalitären Systemen zerschlagen werden, im Namen einer wie auch immer definierten imperialen Ideologie.

Sie, die am eigenen Leib und an der eigenen Seele erfahren haben, wozu Menschen fähig sind, wenn sie für mörderische Gewalt nicht von einem Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen werden, sondern sie sich vielmehr der Rückendeckung durch das Regime sicher sein können.

Diese aufklärerische Kraft der unmittelbaren Begegnung mit Überlebenden – sie wird uns bald endgültig fehlen.

Meine Damen und Herren

Je weniger Zeitzeuginnen es gibt, desto mehr müssen wir selber Verantwortung übernehmen.

Nicht nur in Regierungen, nicht nur in Parteien, in Schulen oder Museen.

Sondern in unserem Alltagsleben – jede und jeder von uns.

Die Verantwortung lässt sich nicht einfach an Institutionen delegieren.

So einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Zu unserer Verantwortung als Nachgeborene gehört nicht zuletzt, dass wir – und unsere Kinder – Anne Franks Tagebuch auch wirklich lesen.

Weil es kein bewegenderes Zeugnis gibt über das Leben in ständiger Angst vor dem mörderischen Anti-Semitismus der Nazis.

Und weil Anne Frank nie aufgab, trotz ihrer verzweifelten Situation.

Weil sie nie verbitterte, obwohl sie allen Grund zur Verbitterung gehabt hätte.

Anne Frank bleibt uns erhalten – als zeitlose Zeitzeugin.

Am Samstag, dem 15. Juli 1944, schrieb sie in ihr Tagebuch – es ist einer ihrer letzten Einträge:

Ich zitiere:

«Das ist das Schwierige in dieser Zeit:

Ideale, Träume, schöne Erwartungen kommen nicht auf, oder sie werden von der grauenhaften Wirklichkeit getroffen und vollständig zerstört.»

Und weiter:

«Es ist ein Wunder, dass ich nicht alle Erwartungen aufgegeben habe, denn sie scheinen absurd und unausführbar.

Trotzdem halte ich an ihnen fest, trotz allem, weil ich noch immer an das innere Gute im Menschen glaube.»

Ende Zitat.

Mesdames et Messieurs, La voix d’Anne Frank est celle de millions de personnes, violemment arrachées à la vie, et dont la voix s’est tue à jamais.

Mais le passé ne s’oublie pas.

Il reste présent, justement parce que des êtres humains n’ont pas eu le droit de vivre.

Mesdames et Messieurs, S’il ne faut retenir qu’une seule chose du journal d’Anne Frank, alors ceci:

En tant que société, nous devons nous méfier de certains processus, de certaines évolutions.

Nous devons être conscients que le ressentiment peut se transformer en haine, et que la haine tue dès que la civilisation bascule dans la barbarie.

Et alors tout peut aller très vite.

L’important est de ne pas tomber dans le piège des certitudes, de l’auto-conviction.

Mais soyons honnêtes: nous toutes et tous essayons de trouver des boucs émissaires aux problèmes sociaux et économiques complexes.

Qu’on le veuille ou non.

Machen wir es uns nicht zu einfach.

Der Auschwitz-Überlebende Gabor Hirsch, der die Kontaktstelle für Überlebende des Holocaust in der Schweiz gründete und 2020 im Alter von 90 Jahren hier in Zürich verstarb, Gabor Hirsch gab einst zu bedenken, Ich zitiere:

«Ich weiss nicht, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich jahrelang der Lehre des Nationalsozialismus ausgesetzt gewesen wäre.

Hätte ich jahrelang gehört, dass die Juden Schmarotzer und für die wirtschaftliche Misere die Schuldigen sind, weiss ich nicht, ob ich nicht auch mitgezogen hätte.»

Ende Zitat.

Meine Damen und Herren

Begreifen wir das Erinnern nicht als abgeschlossenen Akt, sondern als aufklärerisches Engagement.

Verstehen wir gesellschaftlichen Fortschritt als Prozess, der von der Gefahr des Rückschritts stets begleitet wird.

Das ist unbequem, aber dafür ist es eine robuste Form der Aufklärung.

Der Glaube aber, dass es immer besser werde und wir gegen Rückfälle gefeit seien – das ist bloss schaler Optimismus, der bei politischem Gegenwind sogleich in fatalistisches Untergangsgejammer umschlagen wird.

Aber machen wir es uns auch nicht zu einfach, indem wir überall Anzeichen eines neuen Faschismus wittern.

Wer die momentane Situation in westlichen Gesellschaften mit den dreissiger Jahren vergleicht, muss sich den Vorwurf der Ahnungslosigkeit gefallen lassen.

Wer überall Nazis sieht, wird die echten Nazis nicht mehr erkennen können.

Meine Damen und Herren

Zum verantwortungsvollen Erinnern aus Schweizer Sicht gehört selbstverständlich der selbstkritische Blick auf unsere eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg, vor allem auf unsere Flüchtlingspolitik.

Aber zum verantwortungsvollen Erinnern gehört auch ein Blick, der noch viel weiter zurückgeht:

Die Geschichte der Schweizer Juden war während Jahrhunderten eine Geschichte der Diskriminierung und der Stigmatisierung.

Nachdem die Schweizer Juden am 14. Januar 1866 endlich zu gleichberechtigten Bürgern wurden, kommentierte darum Ständeratspräsident Johann Jakob Rüttimann:

Ich zitiere «Indem das schweizerische Volk (…) ein altes Unrecht an einer schwachen, schutzlosen Minderheit gut machte, hat es einen schönen Sieg erfochten, einen Sieg über seine eigenen Vorurteile.»

Meine Damen und Herren

Ein «Sieg über die eigenen Vorurteile» – das ist auch heute noch das entscheidende Kriterium für echten politischen und moralischen Fortschritt.

Seien wir nicht hysterisch – aber bleiben wir misstrauisch, wenn behauptet wird, der Holocaust könne sich niemals wiederholen.

Wenn wir uns in Sicherheit wiegen, ist es immer eine falsche Sicherheit.

Wenn wir vor dem Kampf gegen eine Politik des Hasses zurückschrecken, dann stärken wir die Politik des Hasses.

Die Feinde des Friedens, der Demokratie, der Menschenrechte – sie ruhen nicht.

Und deshalb dürfen auch wir nicht ruhen.

Vielen Dank.

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