Stein am Rhein
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.
Sehr geehrte Frau Stadtpräsidentin
Sehr geehrte Damen und Herren Stadträte
Sehr geehrte Herren Regierungsräte
Sehr geehrte Präsidentin des Schaffhauser Heimatschutzes
Meine verehrten Damen und Herren
Ich freue mich sehr heute hier bei Ihnen in Stein am Rhein zu sein. Herzlichen Dank für die Einladung.
Wenn es heutzutage an EINEM nicht mangelt, dann sind es Meinungen.
Ja, Meinungen wachsen uns allen wie Haare.
Ok, sie wachsen nicht bei allen…
Ich meine jetzt die Haare, nicht die Meinungen…
Im Ernst: Meinungen wachsen natürlich auch bei mir.
Die Gefahr, dass man vor lauter Meinung aufhört Fragen zu stellen – sie ist real.
Die wirklich wichtigen Fragen. Zum Beispiel:
Liegt Stein am Rhein in Deutschland?
Laut Google ist das die am häufigsten gestellte Frage über Ihre Stadt.
Aber dann hätten Sie mich kaum zum 1. August eingeladen.
Oder die Frage: Was feiert heute diese wunderbare Stadt?
Die Stadt, die vor 50 Jahren als Erste überhaupt den Wakkerpreis für ihre Verdienste in der Baukultur erhielt.
Meine Damen und Herren
Wieso brauchen wir eine qualitativ hochstehende Baukultur?
Weil wir uns nur in einem gut gestalteten Lebensraum sicher und geborgen fühlen können.
Weil sie also ein Fundament ist für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung.
Was gestern geplant und gebaut wurde, ist heute unsere Heimat.
Und was wir heute planen und bauen, wird morgen unsere Heimat sein.
Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs, der schnellen Veränderung, der sich wandelnden Bedürfnisse gilt es, diese Erkenntnis zu beherzigen.
Und deshalb ist auch dieses Jubiläum wichtig:
Für den Wakkerpreis und für Stein am Rhein.
Meine Damen und Herren
Was für die Baukultur gilt, das gilt auch für unsere politische Kultur.
Gelingt es uns, die politische Kultur zu erhalten und weiterzuentwickeln?
mit all ihren Stärken wie
Kompromissfähigkeit, Meinungsfreiheit, Respekt vor dem politischen Gegner?
Oder haben wir das Bewusstsein verloren dafür, wie wertvoll unsere politische Kultur ist?
Wenn wir auf die letzten Jahre zurückblicken, dann stellen wir fest:
Die Kultur der «social media» hat – leider! – unsere politischen Debatten geprägt:
mit ihrer Lust an haltloser Polemik, ihrem Willen zur Dauer-empörung, mit ihrer geballten Wut auf Leute in der Öffentlichkeit und ihrem seltsamen Stolz auf ganz einfache Analysen.
Nur «Ja oder Nein», nur «Gut oder Böse», nur «Freund oder Feind» – und nichts dazwischen, kein Raum für Annäherung, für Dialog, für tragfähige Kompromisse.
Kompromiss-losigkeit wurde von manchen eher als Tugend gesehen – und nicht mehr als das, was sie ist:
Als Blockade-Haltung.
Und Rechthaberei wurde gern mit Geradlinigkeit verwechselt – und nicht als das verstanden, was sie ist:
Untauglich für die Demokratie.
Meine Damen und Herren
Das kann es nicht sein. Das kann die Schweiz besser!
Diese letzten Jahre aber haben wir zu viel über die anderen geredet – und zu wenig mit den anderen, so haben wir uns vielleicht stark gefühlt
Aber die Schweiz haben wir so geschwächt.
Was hat uns seit jeher stark gemacht?
Das gemeinsame Ringen um gute Lösungen.
Die Neugier auf die Sicht der anderen.
Und das Wissen darum, dass auch das Gegenüber Recht haben könnte.
So wie Sie dies in Stein am Rhein mit der Mitsprache der Jugendlichen gemacht haben.
Seit letztem Jahr können Jugendliche mit zehn Unterschriften Anliegen im Einwohnerrat einbringen.
In der Tat: wir müssen unsere Demokratie pflegen und ständig weiterdenken, damit sie lebendig bleibt.
Meine Damen und Herren
Jetzt – angesichts einer neuen, bedrohlichen Welt mit einem Krieg in Europa, mit Knappheit und Inflation, mit Verunsicherung über unseren Platz in der Welt – ist es sogar noch wichtiger geworden, dass wir wieder vermehrt aufeinander zugehen.
Niemand weiss, wie sich unsere Welt durch Krieg und Pandemie verändern wird.
Aber wir kennen die entscheidenden Fragen, mit denen wir konfrontiert sind:
Wie definieren wir unsere Neutralität in einer globalisierten Welt, in der Demokratien gegen autoritäre Regime stehen?
Wie lässt sich Solidarität mit der Ukraine mit unserer Neutralität vereinbaren?
Was bedeutet dieser Krieg für unsere eigene Sicherheit?
Und wie können wir verhindern, dass die Inflation die wirtschaftlich Schwächeren noch weiter schwächt?
Und die grossen Herausforderungen aus der Zeit vor dem Krieg – sie sind alle noch da.
Die Klimakrise trifft uns alle – wie können wir verhindern, dass uns die Zeit endgültig davonläuft?
Und wie geht es weiter mit unserem Verhältnis zur EU?
Auch das Problem der extremen globalen Ungleichheit ist nach wie vor ungelöst, obwohl es eigentlich auch die Reichen beunruhigen muss, denn sozialen Frieden kann man sich nicht kaufen.
Und auch die Altersvorsorge muss auf faire Weise reformiert werden.
Wenn das System in Schieflage gerät, dann verlieren alle denn ein Alter in materieller Sicherheit gehört zu den Fundamenten der Schweiz.
Und zu diesen Fundamenten gehört selbstverständlich auch, dass die Gesundheit für alle bezahlbar bleibt.
Wer eine Zwei-Klassen-Medizin zulässt, schafft zwei Schweizen.
Und das kann niemand wirklich wollen.
Meine Damen und Herren
Die Corona-Krise hat uns gezeigt: Wir haben als Gesellschaft die Wahl.
Wollen wir die Herausforderungen mit unserer traditionell starken Kultur der harten, aber konstruktiven Debatte angehen?
Oder ziehen wir uns auf verhärtete Positionen zurück, von der aus wir die anderen unsere Verachtung spüren lassen?
Glauben wir noch an die Kraft des Pragmatismus und der praktischen Vernunft?
Oder hängen wir Verschwörungstheorien nach, die abgeschottet sind gegen jede Form von Gegenbeweis?
Nein, meine Damen und Herren
Das kann es nicht sein.
Das können wir besser.
Ich bin überzeugt: Die grosse Mehrheit der Bevölkerung unseres Landes weiss, dass wir unsere politische Kultur nicht beschädigen dürfen, wenn wir als Land erfolgreich bleiben wollen.
Die grosse Mehrheit weiss, dass es genau die Vielfalt ist, die uns stark macht.
Und zwar nicht nur die Vielfalt der Sprachen und Kulturen.
Sondern die Vielfalt der Perspektiven, der Einschätzungen, der Ideen.
Wir sind als Land darauf angewiesen, dass die Diskussionen möglichst rational geführt werden.
Dass die Qualität der Argumente zählt – und nicht die Lautstärke, in der diese vorgebracht werden.
Meine Damen und Herren
Besinnen wir uns an diesem Tag auf das, was uns wirklich zusammenhält:
Nicht, dass wir stets nett sind miteinander.
Sondern, dass wir über alles streiten können – aber eben nicht endlos.
Dass wir uns raufen – und uns dann wieder zusammen-raufen.
Und dass wir nach heftigen politischen Debatten ein Bier zusammen trinken.