Zurich
Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.
Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.
In seinem «annus mirabilis» 1905 schrieb Einstein – gleichsam im Innovationsrausch – fünf seiner bedeutendsten Arbeiten. Und zwar zu den Themenkreisen „Realität und Grösse von Atomen“, „Lichtquanten“ und „Spezielle Relativitätstheorie“.
Damals arbeitete Einstein bekanntlich nicht an der ETH, sondern er war Angestellter des Bundes. Angestellt war er als Experte 3. Klasse im Patentamt. Von den Experten 1. und 2. Klasse ist übrigens relativ wenig Theoretisches überliefert – vielleicht sollte man unsere Beförderungs-Politik mal ernsthaft überprüfen.
Im Ernst, meine Damen und Herren, in einem Brief aus eben diesem Jahr 1905 schrieb Einstein an seinen Freund Habicht: „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass Ihre Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen erscheint.“
Nein, das ist kein Kommentar zur Schweizer Politik obwohl, wenn man ans Frauenstimmrecht oder die AHV denkt, dann ist da schon was dran. Das ist die Denkweise, die hier an der ETH seit jeher gepflegt wird – und der diese Institution ihren Weltruf verdankt. Intellektueller Mut und unbändige Neugier. Das Offensichtliche als nur scheinbar offensichtlich erkennen. Durchbrüche als Ansporn zum Weiterforschen begreifen und nicht als Anlass zum Zurücklehnen.
Innovation, Fortschritt, Optimismus – das sind auch die Voraussetzungen einer erfolgreichen Schweiz – zu der die ETH seit ihrer Gründung entscheidend beigetragen hat und bis heute entscheidend beiträgt.
Auch in den letzten zweieinhalb Jahren haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der ETH und anderer Hochschulen einen unverzichtbaren Beitrag zum Gemeinwohl geleistet. Nicht zuletzt in der wissenschaftlichen Taskforce. Die ETH hat dort eine zentrale Rolle gespielt. Sie hat es den Mitgliedern der Taskforce auch zeitlich möglich gemacht, sich zu engagieren. Das ist nicht selbstverständlich. Die ETH hat aber auch einen wichtigen Beitrag beim Monitoring des Pandemieverlaufs geleistet.
Ohne die Expertinnen und Experten wären wir nie so gut durch die Pandemie gekommen. Das Wissen über das Virus und dessen Verbreitung hat sich rasend schnell entwickelt.
Es war nicht einfach, die Bevölkerung von der Notwendigkeit von Massnahmen zu überzeugen, an die noch wenige Wochen zuvor niemand gedacht hat: zum Beispiel an geschlossene Hörsääle und Fernunterricht. Gerade die Studierenden an den Hochschulen waren von den Massnahmen stark betroffen. Ebenso Schulen oder Restaurants, aber auch all jene Läden, die mehr als das nötigste verkaufen.
Für die Akzeptanz in der Bevölkerung war es wichtig zu zeigen, dass bei den Entscheidungen auch die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt worden sind.
Der Mittelweg des Bundesrats zwischen dem Schutz der Gesundheit und den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedürfnissen war nicht der Weg des geringsten Widerstandes. Das erklärt auch gewisse Reibungen in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik. Aber insgesamt war die Zusammenarbeit durchaus konstruktiv und erfolgreich.
Eine der wichtigen Erkenntnis aus dieser Pandemie ist: Wissenschaft und Politik sind nicht getrennte Sphären. Sie sollten aber trotzdem als solche behandelt werden, damit die Verantwortung klar verteilt ist. Werden die Rollen vermischt, leidet die Glaubwürdigkeit.
In der Pandemie mussten wir auch feststellen, dass eine Politik, die im Austausch mit der Wissenschaft Entscheidungen traf, vielen nicht als beruhigend, sondern im Gegenteil als bedrohlich erschien. Manchmal scheint es, als brauche unsere Gesellschaft mehr Energie für die Fortschritts-Skepsis als für den Fortschritt selber.
Der Glaube an den Fortschritt – sei es wissenschaftlicher, politischer oder sozialer Fortschritt – ist seit einiger Zeit in der Krise. Weshalb? Die Erklärungsversuche sind zahlreich:
Sind vielleicht alternde Gesellschaften grundsätzlich fortschrittsskeptischer? Entlädt sich die diffuse Wut der Verunsicherten an jenen, die vermeintlich den Lauf der Dinge lenken und die daher verantwortlich scheinen für die – echten oder imaginären –Missstände?
Könnte es sein, dass sich Wissenschaftlerinnen und Wirtschaftsvertreter, Politikerinnen und Politiker – zu wenig um die gesellschaftlichen Folgen ihrer Entscheide und Empfehlungen kümmern?
Geht es also im Kern um eines der brennendsten Themen Gegenwart: Um die globalisierungsbedingte Spaltung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer, in Profiteure und Prekarisierte.
Oder ist eben doch die Rhetorik der Populisten verantwortlich für die Skepsis gegenüber dem Fortschrittsdenken. Wir haben uns ja schon fast daran gewöhnt, dass Fakten nach Belieben gedeutet werden und Lügen jetzt plötzlich nur noch „alternative Wahrheiten“ sein sollen.
Oder ist vielleicht gar nicht mehr so klar, was eigentlich Fortschritt heute noch ist?
Herrscht einfach eine grosse Verunsicherung?
Wie so häufig – und das kennen Sie aus ihrem Alltag als Forscherinnen und Forscher – sind die Fragen einfacher als die Antworten. Aber ohne griffige Fragestellungen kann es nicht zu überzeugenden Antworten kommen.
Meine Damen und Herren
Wir sehen uns heute mit einer Vielzahl gewaltiger Herausforderungen konfrontiert: Vom Krieg in Europa und geopolitischen Spannungen und Verunsicherungen in manchen Teilen der Welt über innerstaatliche Konflikte und Flüchtlingsströme bis zu den beiden Megathemen unserer Zeit, der extremen Ungleichheit und dem Klimawandel.
Nötig wäre die rationale Debatte – die Denkweise der ETH – um diese Krisen wirklich angehen zu können. Das Vertrauen in den Fortschritt, in die Gestaltbarkeit und Veränderbarkeit der Verhältnisse – dieses Vertrauen bildet eben nicht nur die Grundlage der Wissenschaft, sondern auch jene der Politik. Jedenfalls jener Art von Politik, die sich stets überlegt, ob die Folgen ihres Handelns verantwortbar sind und die dann für die Folgen auch die Verantwortung übernimmt.
Wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt wieder als Einheit zu begreifen – das ist entscheidend für den Erfolg einer Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Um es in den Worten von Victor Hugo zu sagen: « Le progrès est le pas collectif du genre humain ».
Meine Damen und Herren
Wie lösen wir die Krise des rationalen Denkens? Leider nicht indem wir den Kräften des Irrationalen einfach analytisch sauber darlegen, dass sie sich irren. Wenn es so einfach wäre, wäre es längst passiert.
Nein, wir müssen einen Umweg machen – einen riesigen Umweg. Wir müssen die grosse Mehrheit der Gesellschaft wieder davon überzeugen, dass es sich in dieser Gesellschaft gut und sicher leben lässt.
Das Vertrauen in die Demokratie, in die Kraft des guten Arguments, in «facts and figures» und wissenschaftliche Evidenz – sie alle haben gesellschaftspolitische Voraussetzungen. Sie alle sind abhängig davon, dass sich die Mehrheit einer Gesellschaft nicht ausgeliefert fühlt – sei es der Globalisierung, sei es dem Klimawandel, sei es den Migrationsströmen.
Unsere Gesellschaften funktionieren nur so lange in bewährter Weise, als diese Entwicklungen als steuerbar wahrgenommen werden. Es steht viel auf dem Spiel. Die Zahl der Demokratien ist weltweit stark geschrumpft. Gemäss Freedom House lebten vor 10 Jahren noch rund 50% aller Menschen in Demokratien – heute sind es nur noch 20%.
Und die Jungen sind von diesem Vertrauensschwund in demokratische Prozesse ganz besonders betroffen: Eine gross angelegte Studie der Universität Cambridge kam 2020 zum Schluss, wirtschaftliche Ausgrenzung sei bei den jüngeren Generationen die gravierendste Ursache für die weltweite Demokratie-Skepsis. Je jünger, desto demokratie-kritischer – das ist eine verheerende und brandgefährliche Entwicklung. Und das ist, wie der Autor der Studie zurecht schreibt, ein Ergebnis des Versagens der Demokratien. Ich zitiere: „Sie haben es in den letzten Jahrzehnten verpasst, Ergebnisse zu erzielen, die für junge Menschen von Bedeutung sind“ – insbesondere bei der Bekämpfung von Ungleichheit und Klimawandel.
Mesdames et Messieurs, Nous devons bien sûr dénoncer le scepticisme scientifique et lutter contre les arguments fallacieux. Mais cela ne suffit pas.
Les critiques envers la démocratie et la modernité découlent de préoccupations bien réelles, y compris matérielles, de la population: la hausse du prix de l’énergie et l’inflation pèsent sur le budget de nombreuses personnes ; les inégalités augmentent dans de nombreux pays ; et les perspectives s’assombrissent pour de nombreux jeunes.
C’est pourquoi, lorsque nous prenons des décisions politiques, nous devons absolument nous demander : si nos décisions ou nos réformes sont justes, si elles viennent en aide aux plus faibles, aux marginalisés, aux laissés pour compte, ou si elles profitent au contraire aux mieux lotis, peut-être même au détriment des plus faibles.
Une vraie politique d’inclusion est une nécessité existentielle. Mais elle est aussi indispensable pour lutter contre la résignation et l’hostilité croissante à l’égard de la démocratie.
Si nous considérons l’incertitude actuelle comme un signal d’alarme, nous réussirons à revitaliser notre démocratie et à honorer sa promesse fondatrice, à savoir garantir l’équité et de bonnes conditions de vie à tout un chacun.
Lorsque nous aurons renouvelé ce contrat social fondateur, notre héritage des Lumières connaîtra lui aussi une renaissance. Et la société reprendra alors confiance dans les vertus du rationnel.
Mesdames et Messieurs, Il n’y a qu’un remède efficace contre la peur, la paralysie et le défaitisme: la soif de savoir, l’envie de comprendre. C’est cet état d’esprit qui nous permettra d’aborder les questions décisives pour l’avenir. Avec optimisme et sens critique. Avec la collaboration étroite du monde scientifique, politique, économique et de la société dans son ensemble. En pensant globalement et en agissant au niveau local – mais aussi en pensant globalement et en agissant au niveau mondial.
Comme l’a écrit Marie Curie : « Rien dans la vie n’est à craindre, tout doit être compris. C’est maintenant le moment de comprendre davantage, afin de craindre moins. »