Soleure

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand et en français. Texte original, non traduit.

Sehr geehrte Damen und Herren National- und Ständeräte

Sehr geehrte Damen und Herren Regierungsräte

Sehr geehrte Stadtpräsidentin

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Solothurner Filmtage

Meine Damen und Herren

Liebe Filmfreunde

Sollten wir überhaupt hier sein?

Oder besser nicht?

Nein, keine Angst.

Es geht mir nicht um existentielle Fragen.

Es folgt keine Predigt.

Ich meine das natürlich rein epidemiologisch.

Und die Antwort lautet:

Ja, dieses Treffen ist ganz im Sinne des Schweizer Mittelwegs – Des Mittelwegs zwischen dem Schutz der Gesundheit einerseits und den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen Bedürfnissen anderseits.

Der Schweizer Mittelweg hatte stets ein klares Ziel:

die Summe des Leidens zu minimieren.

und uns unser Leben so gut wie möglich weiterleben zu lassen.

Als Gesundheits- UND Kulturminister führt der Schweizer Mittelweg sozusagen durch mich hindurch.

Beide diese Minister – der für die Schutzkonzepte und der für das Kulturleben – wünschen Ihnen mit un-schweizerischer Verspätung ein gutes neues Jahr!

Oder zumindest ein besseres Neues Jahr!

Damit wären wir ja auch schon zufrieden.

Meine Damen und Herren

Die letzten beiden Jahre lassen sich gut erfassen mit den jeweiligen «Wörtern des Jahres»:

2020 waren das:

Systemrelevant

Maskensünder

Stosslüften

Eigentlich noch recht pragmatisch, mit einem leicht moralischen Einschlag – also ganz auf Bundesratslinie…

Aber 2021 wurden die «Wörter des Jahres» dann doch düsterer:

Impfdurchbruch.

Starkregen.

Ent-freunden.

Puh!

Jetzt kann es eigentlich nur besser werden – epidemiologisch, wettertechnisch und emotional.

Und nun das!

Die Filmtage eröffnen ausgerechnet mit einer Liebeserklärung an eine Autorin mit einem abgründigen, verzweifelten, pechschwarzen – auch antisemitischen – Weltbild: Patricia Highsmith.

Social distancing, auch über die Festtage?

Kein Problem für Highsmith!

Ich zitiere:

«Nur eines könnte mich zu einem Mord veranlassen:

Familienleben, Beisammensein.»

Ent-freunden?

Aber gern!

«Meine Vorstellungskraft», bekannte die Autorin, «funktioniert viel besser, wenn ich nicht mit Leuten sprechen muss.»

Und auch Highsmiths Wünsche zum Neuen Jahr übersteht man nur unbeschadet, wenn man schon ein paar Gläser intus hat.

Ich zitiere:

« Mein Silvester-Toast:

auf alle Teufel, Begierden, Leidenschaften, Habsucht, Neid, Liebe, Hass, fremde Sehnsüchte, geisterhafte und reale Feinde, das Heer der Erinnerungen, mit denen ich kämpfe – mögen sie mir niemals Frieden geben. »

Das ist nicht gerade das, was wir uns hierzulande beim Anstossen so wünschen.

Aber vielleicht sind wir Schweizer einfach zu konfliktscheu…

Oder liegt es am Starkregen?

Highsmith wohnte ja lange im Tessin….

Meine Damen und Herren

Im Ernst: Patricia Highsmith war eine Persönlichkeit, die ihr Leben lang mit sich selber rang.

Darin wurzelt ihre Kraft als Künstlerin.

Sie war Ripley UND Greenleaf.

Ihr Leben war nicht zuletzt geprägt vom Ringen mit ihrer eigenen Geschlechtsidentität.

Als 12-jährige klagte sie darüber, dass sie ein Junge in einem weiblichen Körper sei. 1948 schreibt sie in ihr Tagebuch:

«I want to change my sex. Is that possible?»

Zum Wort des Jahres in der Romandie wurde übrigens «iel» erkoren – eine Mischform von «il» und «elle».

Heute wäre Highsmith als Teenager wohl weniger zerrissen, hoffentlich glücklicher.

Aber – tragische Literaturgeschichte – vielleicht wäre sie eine weniger bedeutende Autorin geworden.

Die deutsche Schriftstellerin Nora Bossong warnt denn auch in diesem Sinne vor unserer «neuen Angst vor Mehrdeutigkeit».

Ich zitiere:

«Ohne sie verliert die Literatur ihre Sprengkraft, uns auch mit dem Gegenteil unserer Überzeugungen zu konfrontieren.»

Und weiter:

«Ästhetische wie intellektuelle Störelemente sind für unser Weltverständnis fundamental:

Wenn wir sie ausblenden, werden wir nicht progressiver, sondern gleiten in die Regression ab.

Wir verlernen, uns selbst in unserem gebrochenen, ambivalenten Sein wahrzunehmen.»

Mesdames et Messieurs, Le dialogue intérieur de Patricia Highsmith entre aussi en résonnance avec le climat politique du moment.

La polarisation a envahi nos débats :

sans avis tranché–, il devient difficile de se faire entendre.

C’est pourquoi nous évitons parfois de dire que quelque chose ne nous convainc pas à 100%.

Que nous pesons le pour et le contre, que nous hésitons, que nous émettons des doutes.

Et souvent, nos opinions ne se transforment en certitudes qu’au moment où nous entrons dans l’arène du débat public.

En particulier sur les réseaux sociaux, friands de polémiques, de querelles et de controverses.

Comme si cet antagonisme nous aidait à mieux supporter notre propre ambivalence.

La polarisation a quelque chose de péremptoire, comme nous le rappelle la lutte douloureuse et passionnée de Patricia Highsmith.

Et aussi quelque chose de factice.

Mais comme l’écrit l’écrivaine dans L’inconnu du Nord-Express :

« Les gens, les sentiments, tout est double !

Il y a deux personnes en chacun de nous. »

Fin de citation.

Peut-être que nous devrions débattre davantage avec nous-même – plutôt qu’avec les autres.

Et si nous exprimions plus ouvertement nos doutes intérieurs, peut-être que cela permettrait de désamorcer les discours.

Et de redonner une chance au compromis.

Peut-être devrions-nous nous intéresser à nouveau à nos propres opinions, avant de les asséner aux autres.

Car la curiosité, y compris la curiosité de soi-même, nous la devons au monde moderne.

Les philosophes des Lumières – avant tout Diderot et son Encyclopédie – ont consacré leur vie aux questions qui les habitaient.

Et à la conviction que les questionnements nous font avancer, en tant que société, en tant qu’individus, et, naturellement, font aussi progresser la science.

Pour les philosophes des Lumières, la complexité n’était pas quelque chose devant laquelle on reculait.

Au contraire : la complexité fascinait.

On voulait l’explorer, la mesurer, la percer et la comprendre.

Emmanuel Kant non plus ne défendait pas une vision linéaire du progrès.

« Dans un bois aussi courbe que celui dont est fait l’homme, on ne peut rien tailler de tout à fait droit. »

Alors voici une suggestion de bonne résolution pour la nouvelle année :

Chercher à s’interroger avec honnêteté sur tel ou tel sujet – plutôt qu’à graver ses opinions dans le marbre. »

Meine Damen und Herren

Wir erleben momentan in vielen Gesellschaften ein ähnliches Phänomen:

Sie sind hoch polarisiert und tief gespalten.

Kompromisslosigkeit gilt mancherorts als schick.

Rechthaberei wird gern verwechselt mit Unbestechlichkeit.

Und die Meinungen mögen sich oft gar nicht mehr dazu aufraffen, irgendwelche Begründungen nachzuliefern.

Der amerikanische Satiriker Stephen Colbert brachte die geistige Situation der Zeit so auf den Punkt:

„Wenn man darüber nachdenkt, macht es Sinn.

Und wenn man NICHT darüber nachdenkt, dann macht es NOCH MEHR Sinn.“

Es scheint manchmal, als hätten wir die Lust am Fragen, an der Selbstbefragung, am Selbstzweifel, am Entdecken und Begreifen schlicht verloren.

Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, braucht es auch den kreativen Wettbewerb im Inland, den die Revision des Filmgesetzes stärken will, über die wir im kommenden Mai abstimmen.

Diese Revision ist eine Antwort auf die Herausforderungen des digitalen Wandels und leistet einen wesentlichen Beitrag, um das hiesige Filmschaffen zu unterstützen und echte kulturelle Vielfalt auf den Online-Filmplattformen zu ermöglichen.

Meine Damen und Herren

Wenn eine Staatsform die neugierige, ergebnisoffene Debatte braucht, dann ist es unsere halb-direkte Demokratie.

Sie ist die Staatsform des Fragens.

Sie ist die Staatsform des Sich-selber-Hinterfragens.

Vielen Dank.

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