Carouge

Manuscrit, non publié à l’époque. Seul le prononcé fait foi. Les notes de travail ont été retirées.

Discours prononcé en allemand. Texte original, non traduit.

Liebe Freundinnen der grossen Bühne

Liebe Freunde gut gestalteter Berufslaufbahnen «I am a part of all that I have met. To you, whether or not you know, having wandered into the tissue of my life, and out again, you have left a momentary part of you which I will work into something.»

Dieses Zitat stammt von Sylvia Plath, der amerikanischen Schriftstellerin mit österreichischen Wurzeln.

Sylvia Plath ist die Autorin, deren Worte Barbara Frey 1993 in ihrer vielleicht ersten wirklichen Regiearbeit zu Gehör brachte.

Barbara Frey war damals 30 Jahre alt.

30 Jahre alt war auch Sylvia Plath, als sie starb. Die kranke, depressive Frau konnte das Leben nicht mehr ertragen. In der Blüte ihrer Jugend setzte sie ihrem Leben am kühlen Morgen des 11. Februars 1963 ein Ende.

Dieser traurige Akt fand nur wenige Wochen vor Barbara Freys Geburt statt.

Wir haben es hier mit einer unsichtbaren und bewegenden Verbindung zwischen dem Ableben einer grossen Autorin und dem Auftauchen einer grossen Regisseurin zu tun – zwei Ereignisse, die zweifellos dem Zufall geschuldet sind, aber dennoch symbolisch in Wechselwirkung zu stehen scheinen.

So ist es im Theater wie im Leben: Sie gehen Seite an Seite und nähren sich gegenseitig, wie Sylvia Plath feststellte, als sie den Vorhang vor dem Geheimnis der Schöpfung ein Stück weit lüftete.

Um weitere Zufälle und Anzeichen dafür zu finden, dass Babara Frey eine Auszeichnung in ihrem Land besonders verdient hat, lassen Sie uns ihre Karriere wie ein Kartograf erkunden.

Ich würde es als die Frey-Methode bezeichnen.

Die Methode nach Julius Frey, dem bekannten Teilhaber des Unternehmens Kümmerly.

Sehr geehrte Damen und Herren

Bevor Barbara Frey zum Theater kam, studierte sie Philosophie an der Universität Zürich.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass sie Platonow inszeniert hat, das Stück aus ihrem Repertoire, das am ehesten an einen grossen antiken Philosophen erinnert.

Ausserdem spielte sie Schlagzeug in einer Rockband.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass sie den Sturm aufführte, das Stück aus ihrem Repertoire, das am ehesten ohrenbetäubenden Lärm erzeugt.

Barbara Frey, die selbst Dramatikerin ist, hat es sich nicht nehmen lassen, Stücke ihrer Landsleute zu inszenieren.

Zum Beispiel «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» von Lukas Bärfuss.

Ein Werk, das einem Versuch ähneln könnte, in die Krankenkassenbranche vorzudringen.

Barbara Frey scheint sich auch für die AHV interessiert zu haben: Sie führte Arsen und Spitzenhäubchen auf, ein Stück mit wahrscheinlich verrückten, aber dennoch nicht ganz uninteressanten Ansätzen zur Regulierung der Anzahl Rentenbezügerinnen und -bezügern.

Die in Basel, nahe Frankreich, geborene Barbara Frey schätzt die französischsprachige Kultur sehr. Sie bot dem deutschsprachigen Publikum Klassiker von Marivaux, Labiche und Molière dar und führte sogar Phèdre von Jean Racine auf.

Ich persönlich hätte Andromache vorgezogen, um die Frage «Pour qui sont ces serpents qui sifflent sur vos têtes?» wenigstens einmal in der Sprache Schillers zu hören.

Als eine unserer wichtigen Kulturbotschafterinnen war Barbara Frey auf den grossen internationalen Bühnen zu Hause.

Sie hat zahlreiche Theaterstücke an der Berliner Schaubühne aufgeführt, wo sie übrigens auch in leitender Funktion tätig war.

Derzeit leitet sie die Ruhrtriennale, eine Veranstaltung, die man als das Festival d’Avignon jenseits von Rhone und Rhein bezeichnen könnte.

Wenn wir diese Triennale erwähnen, sollten wir die Chance nutzen, die grundlegende Bedeutung der Zahl 3 in Barbara Freys Karriere hervorzuheben, welche, zur Erinnerung, 1993 im Alter von 30 Jahren offiziell begann.

Sie hat Shakespeares Richard III. inszeniert.

Drei Schwestern von Tschechow.

Und Drei Mal Leben von Yasmina Reza.

Sowie drei Stücke von Lukas Bärfuss.

Und nicht zu vergessen: Ubu, das zeitlose Meisterwerk mit drei Buchstaben.

Ich möchte noch einmal für alle, die sich mit Numerologie nicht so auskennen, darauf hinweisen, dass die Zahl 3, die über Barbara Freys Werk zu schweben scheint, traditionell mit « Kunst, Originalität und Fantasie» in Verbindung gebracht wird. Und im beruflichen Umfeld auch mit dem «Freigeist».

Etwas, was sie natürlich auch mit ihrem Familiennamen geerbt hat.

Als künstlerische Leiterin des Schauspielhauses Zürich musste Barbara Frey in einem Team arbeiten und mit Menschen umgehen, von denen man sich vorstellen kann, dass nicht alle es gewohnt waren, den Anweisungen einer Frau zu folgen.

Tatsache ist aber, dass das Theater – wie das Leben – nicht in Einsamkeit gedeihen kann. Als Eugène Labiche in die Académie française aufgenommen wurde, merkte er an, dass man doch die Schreibarbeit, die seinen zahlreichen Mitarbeitenden anvertraut worden war, hätte berücksichtigen und ihm eine Sitzbank statt eines Sessels hätte zuweisen müssen.

Barbara Frey, die in einer eher männlich dominierten Welt tätig ist, ist natürlich ein Vorbild für die Emanzipation aller Frauen, wie auch die Lena des Dichters und Revolutionärs Georg Büchner, die floh, um ihrer Bestimmung zu entgehen, ohne zu wissen, dass sie Leonce versprochen war.

Da sie nicht nur Büchner, sondern auch Schiller adaptierte, die ihre Namen für prestigeträchtige Literaturpreise zur Verfügung stellten, musste Barbara Frey damit rechnen, eines Tages selbst ausgezeichnet zu werden, um die Liste der grossartigen Geehrten zu schliessen.

Wir verstehen nun besser, warum Barbara Freys Theaterlaufbahn heute Abend abgerundet wird.

Meine Damen und Herren

Barbara Frey hat bereits 2016 einen Schweizer Theaterpreis erhalten.

An jenem Abend – sie mag sich erinnern – hatte ich den österreichischen Schriftsteller und Dramatiker Thomas Bernhard zitiert.

Für Politiker war Thomas Bernhard der wortgewordene Albtraum.

Vor allem, wenn einer von ihnen die Unverfrorenheit besass, ihm einen Preis zu verleihen.

Wie der unglückliche österreichische Kulturminister, der mit «in allem stupfsinnige[m] und vollkommen insensible[m] a-musische[m] Gesicht», auf die Tribüne gestiegen war, um ihm die Ehre zu erweisen.

Und die folgenden Worte fand Thomas Bernhard für den Bundeskanzler: «Eigentlich ein schon über Gebühr strapazierter, längst der Lächerlichkeit anheimgefallener alter, am eigenen Murren würgender sturer Sozimonarch (…), der es verdient, dass man ihn, wenn auch behutsam, so doch ohne Rücksicht auf Pseudoverluste, von seinem Thron wischt.»

Ich für meinen Teil hoffe, dass ich dieses Endstadium der zur Karikatur verkommenen Figur nicht erreicht habe.

Mir ist jedoch bewusst, dass es mitunter auf ausgesprochen wenig ankommt.

1998 inszenierte Barbara Frey ein Stück des unverschämten Briefschreibers Thomas Bernhard.

Um sicherzugehen, habe ich in den Vergabebestimmungen für den Hans-Reinhart-Ring nachgeschlagen, ob dies nicht ein Grund für einen Ausschluss wegen Herabwürdigung eines politischen Amtes wäre.

Das scheint nicht der Fall zu sein.

Es ist mir daher eine ausserordentliche Freude, ihr den wichtigsten Schweizer Theaterpreis zu überreichen …

unter der Bedingung, dass sie sich verpflichtet, nie kundzutun, was auf dieser Bühne gerade passiert ist!

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